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„Der Tod meiner Freunde hat mich begleitet“

Geschrieben von Roland Peter am . Veröffentlicht in Blog

einstein-eiskletternDie Steffisburger Sportkletterin  Barbara Büschlen führt Einsteinmoderator Mario Torriani eine 25 Meter hohe Eiswand hoch. Die Bilder aus dem Kiental werden vom Schweizer Fernsehen  ausgestrahlt. Die Dreharbeiten waren ein harter Prüfstein für die 20jährige Frau. Zwei Tag zuvor hatte sie beim Lawinenunglück in Adelboden zwei Freunde verloren und einen Wittwer kennen gelernt, der die Berge eigentlich hassen sollte.

Keine Frage: Der kleine Dreh an der kalten Wand ist schicksalhaft verstrickt. Dabei spielt das Geschehen am Eis nur eine Nebenrolle. Es gibt nämlich eine traurige und eine rührende Geschichte hinter den augenfälligen Kletterszenen. Beide haben mit Unglück zu tun. Davon allerdings zeigt das Schweizer Fernsehen nichts. Die Wissenssendung „Einstein“ (Donnerstag, 24. Februar, 21.00 Uhr, SF1) bleibt vordergründig, technisch – erklärt, was man unter Röhrchen- oder Blumenkohleis zu verstehen hat.

Beinahe Nebenopfer einer Lawine
Dabei wären die Dreharbeiten am 2. Februar beinahe Nebenopfer eines tragischen Unglückes geworden. Zwei Tage vor dem geplanten Klettergang riss eine Lawine am Schedelsgrätli zwei  Freunde von Barbara Büschlen in den Tod. Die Meldung aus Adelboden führte bei der 20jährigen Steffisburgerin zu einer lähmenden Tristesse. „Ich wollte in meiner Trauer allein sein, mich in Gedanken an die Freunde verkriechen, und sicher keine Kameras um mich haben“, beschreibt sie ihre erste Reaktion. Dass es trotzdem nicht zur temporären Isolation kam verdankt sie ihrem Trainer und Vater. Ein langes Gespräch habe zur Überzeugung geführt, dass die zur Pflichtübung mutierte Kür an der Eiswand ein Stück Trauerarbeit sein könne. Was sie in das Loch habe versinken lassen, das soll sie auch wieder auf den Weg nach oben bringen: Die Faszination der Berge und der Mut, sich den Naturgewalten zu stellen, sich mit ihnen zu messen. 

Vater Ruedi Büschlen (58), selber ein äusserst routinierter Kletterer und Bergsteiger, ist dann ein Tag nach dem Unglück und ein Tag vor den Fernsehaufnahmen mit seiner Tochter in den hinteren Teil des Kientals gefahren. Das Ziel: Die Route für den Drehtag vorbereiten und reservieren.  Am Parkplatz vor dem Tschingelsee, rund 5 Gehminuten vom gewählten Sektor entfernt, wird Barbara von einem älteren Engländer angesprochen. Nach anfänglichem Smaltalk entwickelt sich ein beherzt geführtes Gespräch über Berge, Kletterei und deren Gefahren.

Im Mutterleib den Eiger hoch
Er, Jim Ballard, sei sehr oft im Berner Oberland anzutreffen, vernimmt Barbara. Meistens werde er von seinem Sohn Tom begleitet, der den Weg seiner Mutter weitergehen wolle.  Dass es sich um jenen Tom handelt, der 1988 im Mutterleib den Eiger hochgetragen wurde, realisiert sie erst später. Überhaupt:  Erst nach und nach wird ihr klar, warum der Mann so fachkundig ist. Ballard war Ehemann und Manager einer der schillerndsten und umstrittensten Frauen im professionellen Bergsport: Alison Hargreaves.  Die zierliche Schottin, geboren 1962 in Derbyshire, war die erste Frau, die den Gipfel des Mount Everest ohne Sauerstoffflaschen und ganz auf sich allein gestellt erreichte. Das war am 13. Mai 1995. Im gleichen Jahr, am 13. August, endet die Karriere und das Leben der „Heldin der Berge“. Beim Abstieg vom „K-2" wird die erst 33-Jährige von einer Lawine in den Tod gerissen.  Dieser Mann also hat Barbara in ein Gespräch verwickelt. Und er macht ihr Mut, motiviert sie, den eingeschlagenen Weg als Sportkletterin kompromisslos weiter zu gehen.  Er, der seine Frau an die Berge verloren hat.

5 Stunden am Set
Am Mittwoch vor drei Wochen treffen sich das vierköpfige Fernsehteam und das zweiköpfige Büschlenteam auf dem Parkplatz im hinteren Kiental. Es geht los. Die quälenden Gedanken verflüchtigen sich langsam. Nicht alle, Reste davon bleiben hängen. Trotz allem steigt Barbara mit Mario Torriani in die Wand. Rotuniert führt sie den Neuling nach oben. Zwischendurch huscht ein Lächeln über ihre Lippen. Das Eis hat sie gepackt. Der Profi in ihr hat gesiegt – für kurze Momente. Nach 5 Stunden Drehzeit sind die Szenen im Kasten. Die Trauer kehrt zurück, verliert jedoch an Intensität. Barbara Büschlen macht sich auf zu einer Entdeckungsreise. Sie recherchiert und liest alles, was sie über Alison Hargreaves finden kann.

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