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Salewa-Shooting im indischen Himalaya

Geschrieben von Barbara Büschlen am . Veröffentlicht in Blog

P1010389Salewa hat sich dieses Jahr eine sehr spezielle Shooting-Location für die Kollektion 2012 ausgesucht. Die Idee entstand bei der Planung der Arwa-Spire-Expedition von meinen beiden Alpinextrem-Teamkollegen Roger Schäli und Simon Gietl. (mehr Infos zur Expedition ).
Als Salewa mich fragte, ob ich als weibliches Modell mitkommen möchte, war ich begeistert. Es würde für mich eine reiche Erfahrung sein. Da jedoch meine Abschlussprüfungen der Berufsmaturität genau in diese Zeit fallen würden, musste ich zuerst alles koordinieren, damit die beiden Sachen irgendwie aneinander vorbei gehen würden. Schliesslich wurde ich von der Schule für 3 Wochen freigestellt. Am 25. April ging es los.

In Delhi angekommen begann der Kampf um das vorgeschickte Material. Zwei Tage mussten wir verhandeln, bis uns die die Habe übergeben wurde. Dann ging es los Richtung Himalaya. Die Strassenverhältnisse sind ausnahmslos miserabel in Indien So brauchten wir für 225 Kilometer mehr als 10 Stunden. Es war schliesslich eine Woche vergangen, bis wir in Mana (letztes Dorf), wo wir erneut um Bewilligungen kämpfen mussten, unser Gepäck auf die Träger umluden und dann endlich losmarschierten in Richtung Base Camp (BC). Unterwegs shooteten wir fortlaufenden die diversen Kollektionen. Am vierten Tag nach Aufbruch erreichten wir das Basislager (4670 m). Wir fühlten uns alle mehr oder weniger fit, keiner hatte ernsthaft mit der Höhe zu kämpfen, aber das Wetter war schlecht. Doch das Glück war da noch auf unserer Seite; während den nächsten 3 Tage besserte das Wetter auf und wir konnten die letzten Shoots noch in den Kasten bringen.

Da man vom BC den Arwa Spire nicht sehen kann, liess ich es mir natürlich nicht entgehen, die Jungs zu begleiten, als sie Material zur Wand hochbrachten. Nach drei Stunden Marsch zeigte sich der markante Granitpfeiler. Ein wunderschönes Bild, das mein und natürlich die Herzen der Jungs höher schlagen liess. Ich ging noch ein Stück weiter, drehte dann aber um, da ich - im Gegensatz zu den Jungs  - ohne Skis unterwegs war und den Rückweg zu Fuss gehen musste und sich rundum Wolken und Nebel ankündigten.

Knappe fünf Tage verbrachten Hansi, Marlene und ich im Basecamp. Eine kurze, aber unglaublich reiche Zeit an Erlebnissen ging langsam zu Ende. Einerseits freute ich mich darauf, dass warme Füsse kein Highlight sondern wieder Standard sein würden, dass ich am Abend in ein warmes Bett steigen und mich wieder regelmässig unter die Dusche stellen würde. Andererseits wusste ich, dass ich die wunderschöne Umgebung, die Weite, die Stille, den Sonnenaufgang in der Früh, den Sternenhimmel in der Nacht und das Knistern des Schnees beim Gehen, nachdem ich am Morgen in die steifgefrorenen Schuhe geschlüpft war, schon am ersten Tag nach der Rückkehr vermissen würde.
Dann war es so weit, das letzte Mal aus dem Zelt kraxeln, das letzte Mal gemeinsam Frühstücken, die letzten Glück- Erfolgs- und Segenswünsche an Roger, Simon und Daniel. Die Umarmung zum Abschied, wie ich bin, ich hätte weinen können und dann der letzte Blick zurück zum Camp und weg waren wir. Die ganze Strecke zurück bis nach Mana schafften wir an einem Tag. Zwei Tage später waren wir wieder in Delhi und dann kam das Telefonat aus dem BC, das alles veränderte. Daniel sei verschwunden. Er war in eine Gletscherspalte gefallen. Es war wie eine Bombe die einschlug. Die ganzen tollen Erlebnisse, die absolut coole Zeit, die wir da oben zusammen verbracht hatten, alles zerstört. Der Gedanke daran, wie unsere beiden Jungs jetzt da oben auf diesem Gletscher verzweifelt nach Daniel suchen würden, wie sie in die Spalten abseilen würden und dabei keine Ahnung haben, was sie da unten erwartet, die ständige Ungewissheit dabei ob Daniel überhaupt noch am Leben ist oder nicht, machte mich fast wahnsinnig.
Die Hoffnung stirbt zuletzt - dass die Suche nach Daniel ein Wettlauf gegen die Zeit ist, war uns allen klar. Wir in Delhi waren absolut machtlos und konnten neben der Organisation eines Hubschraubers absolut nichts tun ausser zu warten und zu hoffen. Meine Gedanken und meine Gebete gehörten ganz Daniel und dem Team im Basislager. Trotzdem, mein Flieger hob noch am selben Abend ab und Daheim erwarteten mich die Prüfungen. Nach der Landung hatte ich knappe 48 Stunden Zeit bis zur ersten Prüfung. Doch das stresste mich relativ gering. Vielmehr waren meine Gefühle geprägt von Ungewissheit, Angst, Traurigkeit, stetig steigendem Bewusstwerden der Situation, aber auch von Hoffnung und gleichzeitiger Dankbarkeit, heil wieder daheim zu sein. Der Anruf von Rainer Gerstner (Salewa international), seine einfühlsamen Worte im Bezug auf die schwierige Situation, aber auch seine stärkenden Worte für meine Prüfungen, seine geistliche Begleitung, wie er sie wortwörtlich nannte, seine brüderliche Rolle die er mir gegenüber erklärte, haben mich sehr berührt. Danke Rainer!

6 Tage nach Daniels Verschwinden wurde die Rettung erfolglos abgebrochen. In rund 5o Meter Tiefe hat das Rettungsteam seinen gebrochenen Stock gefunden. Seh-oder Rufkontakt konnte mit ihm jedoch leider nie hergestellt werden. Ein weiteres Vordringen in die Spalte hätte die Retter in Lebensgefahr gebracht und die Chance,  Daniel lebendig zu bergen, war sehr gering. Simon und Roger sind tief betroffen und haben ihre Expedition abgebrochen (was sie übrigens sofort nach Daniels verschwinden in Erwägung zogen).

Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die ich mit Daniel in Indien verbringen durfte, dass ich die Chance hatte, ihn überhaupt kennen und schätzen zu lernen, und dass ich mit ihm ein Stück Lebensweg teilen/gehen durfte - speziell sein letztes Stück.

Trotz allem: Mein Lebensweg geht weiter und der Alltag holt mich zurück. So habe ich nun bereits meine ersten Prüfungen hinter mich gebracht und mich nach einer monatigen Pause wieder hinter das Training gemacht. Das erste Mal wieder am Fels war der Wahnsinn. Die Bewegungen, das Feeling, das Lesen der Strukturen und Umsetzen in Züge, ich liebe es einfach. Ich freue mich unglaublich auf die Zeit nach meinen Prüfungen. Es gibt vieles was in meinem Kopf rumschwirrt, was ich anreissen möchte und auch viel Neuland, an das ich mich herantasten möchte. Ich bin selbst gespannt, was dabei rauskommt und ich gebe mir auch Mühe, euch regelmässig zu berichten. Hier gehts zu den ersten Bildern.

Unsere Truppe setzte sich folgendermassen zusammen: Roger Schäli, Simon Gietl, Hansi Heckmair (Fotograf), Daniel Ahnen (Kameramann), Marlene Burgmann (Marketing Salewa) und ich.

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